Versandung

Im Rückblick erscheint mir es heute fast merkwürdig, wie oft ich während der Entstehung meines neuen Buches

„Versandung. Annäherung an eine einzige gesprochene Andeutung“, Vergangenheitsverlag Berlin 2020, graphische Gestaltung Catharina Burmester, 248 Seiten, 14 x 20 cm, Klappenbroschur, ISBN  978-3-86408-260-3, 18 Euro. Überall im Buchhandel oder direkt beim Verlag,

wie oft ich also gefragt wurde, warum ich mich so intensiv mit dem Schicksal von Ursel Murawski befassen würde? Und wieder mit der NS-Zeit? Was sollte ich sagen? Lange habe ich über eine Formulierung nachgedacht, die all meine Emotionen, all mein Tun, meine innere Auseinandersetzung, mein Hinabtauchen in die Vergangenheit, meine Reisen in Archive und mein Feilen am Text bündelt. Hier ist die Antwort, meine Antwort:

„Wissen Sie, schon manches Mal wurde ich gefragt, warum ich mich dieses Falles so angenommen hätte und ob es nicht schönere Themen gäbe? Aber blieb mir denn eine andere Wahl? Irgendwann hatte ich eine Leerstelle gespürt. Eine Tante fehlt. Ihre Epilepsie, ihre Gewalttätigkeit und ihre Liebe zu Frauen blieben eine Andeutung. Ihre Ermordung wurde verschwiegen, die Umstände verdrängt und vergessen.

Ich wusste nicht, worauf ich mich einlasse. Meine Suche führte mich von Usedoms Stränden, einem behüteten Elternhaus, über finanziellen Ruin, Krankheit und Zwangssterilisation bis hin zum Tod in der Hölle staatlicher Anstalten. Meine Annäherung gibt Ursula Luise Murawski ihren Namen und ihr Gesicht zurück. In unserer Familie reden wir wieder über sie.

Doch warten Sie! Das würde mir nicht genügen. Dieses tragische Schicksal ist eines von über 300.000 Euthanasieopfern des NS-Staates. Nur in der Familie darüber zu reden, Ihnen jedoch diese Geschichte vorzuenthalten, würde den mörderischen Plan der Nationalsozialisten endgültig aufgehen lassen. Ursel wäre vergessen. Lesen Sie dieses Buch, und reden wir darüber.“

Aus diesem sehr persönlichen Motiv entstand mein Buch, das sich zwischen Akten, Fakten und Fiktion bewegt. Es spannt einen weiten Bogen, erzählt von Jahren in den von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, einer gescheiterten Rückkehr nach Stettin und führt uns bis in den elenden Hungertod in der Landesheilanstalt Merxhausen. Finanzielle Nöte, die menschenverachtenden Wahnvorstellungen der NS-Zeit, der Rückzug der engsten Familie und das Vergessen der Nachkriegszeit bildeten weitere Wegmarken. Jede Wegmarke eine Sturz nach unten. Im Familiennarrativ der Nachkriegszeit reduzierten sich Ursels Epilepsie und ihre Auflehnung gegen das Anstaltsleben, ihre Talente und ihre Liebe zu Frauen zu einer einzigen gesprochenen Andeutung.

Getrieben vom Gespür für diese Leerstelle, stellt sich mein Buch intergenerationeller Sprachlosigkeit und Verharmlosung entgegen. Auf der Suche nach einem verlorenen Familienmitglied dringe ich in die Welt geschlossener Anstalten vor. Gestützt auf zahlreiche Quellen legen meine Recherchen ein repressives System von Fürsorge und Strafe offen. In der NS-Zeit gerinnt dann der quälend lange Hungertod zu einem auf Zahlen gestützten Verwaltungsakt. Das Geschehen wurde verschwiegen, verdrängt und verharmlost. Wiederentdeckte Fotos, ein Lebenslauf, Briefe, Zeichnungen und Dokumente aus den Anstalten Bethel und Merxhausen erzählen jetzt erstmals von einem Schicksal, das stellvertretend für zahlreiche andere steht.

Heute erinnert in den Anstalten von Bethel und Merxhausen nichts an Ursel Murawski. Ihr Name bleibt wie der vieler anderer Opfer ungenannt. Keiner der Täter, die Ursel ermordeten, wurde je in die Verantwortung genommen. Aber auch in der Familie wurde nie über sie gesprochen. Abgeschoben in eine Anstalt, alleine gelassen, ermordet, „totgeschwiegen“ und dann vergessen. Der NS-Staat hatte sein Ziel erreicht.

„Versandung“ stellt sich diesem Vergessen mit Vehemenz entgegen. Natürlich wurde mein Vorhaben stetig von Zweifeln begleitet. Meine Reisen in die Orte des Geschehens konnten die Tatsache nicht aus der Welt räumen, dass ich dieser Tante, dass ich Ursel nie begegnet bin, nie begegnen konnte. Immer wieder musste ich deshalb an den Schriftsteller Günter Kunert denken, der mir mitgab, dass man „alles, selbst das Ungeheuerlichste, beschreiben und benennen kann, ohne mehr als eine schwache Ahnung dessen zu vermitteln, wie das Beschriebene eigentlich gewesen ist.“ Diese bittere Wahrheit gilt natürlich auch für meinen Versuch, das kurze Leben von Ursel wiedererlebbar zu machen. Doch sollte ich es deshalb lassen? Und damit ungewollt den Zielen des Nationalsozialismus in die Hände arbeiten?

Tragendes Element heutiger Erinnerungsarbeit ist die Erarbeitung von Einzelbiographien, die – wie in meinem Fall – einem Euthanasie-Opfer der NS-Zeit sein Gesicht wiedergibt. Hierbei konnte mein Text auf wertvolle Vorarbeiten zurückgreifen, die es mir erlaubten, mich auf das Schicksal von Ursel Murawski zu konzentrieren. Die Aufarbeitung der NS-Krankenmorde beschäftigte Ärzte und Historiker schon Ende der 60er/ Anfang der 70er-Jahre im Rahmen der Psychiatriereform. Eine zweite Welle der Auseinandersetzung lieferte in den 1990er Jahren ein historisch abgesichertes Verständnis der Euthanasie-Thematik. Erst seit einigen Jahren erzählen jetzt auch Angehörige vom Schicksal „ihrer“ Opfer. Es ist diese Personalisierung, die aus einem ermordeten Anstaltspflegling – einem von über 300.000 Opfern, einer abstrakten riesigen Zahl – ein ablesbares, ergreifendes Einzelschicksal macht. Jedes dieser Einzelschicksale liefert durch ihre Kontextualisierung Stoff für unser kollektives Gedächtnis.

Mein Buch „Versandung“ ist irgendwo zwischen der gelungenen Erzählung von Melitta Breznik: Das Umstellformat, München 2002 und dem faszinierenden Roman von Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten, Berlin 2017 verortet. Es unterscheidet sich aber zugleich: Nicht nur, weil jedes Leben anders war, sondern weil das Buch auf umfangreichen Akten basiert und auf den Fall bezogenes Bildmaterial bietet. Aus der im Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel und im Archiv des Landeswohlfahrtverbandes in Kassel aufbewahrten Krankengeschichte, der Lektüre der psychiatrisch-neurologischen Fachliteratur der Zeit und dem Wälzen familiärer Fotoalben sowie aus den im Internet zusammengesuchten Abbildungen entstand so ein bebildeter Text, der einen lebendigen Eindruck der damaligen Zeit zeichnet. Mir war es dabei wichtig, dass sich der Text innerhalb eines zeitgenössischen Horizontes bewegt, also nicht aus heutiger Sicht geschrieben ist. Auch wenn dies nur bedingt möglich ist, entfaltet sich so ein beklemmendes Panorama einer versunkenen Zeit, in der Epileptiker noch in psychiatrische Kliniken eingewiesen wurden. Es ist ein Bild großer Hilflosigkeit im Umgang mit einer unheilbaren Krankheit und – in meinem Fall – einer schwierigen Kranken. Am Ende stehen kaum vorstellbare Zustände in den Anstalten der NS-Zeit, am Ende steht geplanter Mord.