Taxenprojekt

Während sich eine Vielzahl meiner Projekte zur technischen Kunstgeschichte in Vorträgen und kunsttechnologischen Publikationen niedergeschlagen hat, hat das sogenannte Münchner Taxenprojekt nach einem bravourösen, viel beachteten Auftakt und einer Zeit der Blüte nie seinen Abschluss gefunden. Der Gründe hierfür waren viele … Fakt ist, nicht nur die Zeit war knapp, sondern die Prioritäten waren andere und vor allem die finanzielle Förderung fehlte. Jedes Forscherleben kennt solche Themen, man würde gerne, hätte auch Ideen, alleine …!

Doch kehren wir zu den Anfängen zurück: In den hektischen Vorbereitungen zur Dürer-Ausstellung in der Neuen Pinakothek im Jahr 1998 stellte sich Christoph Krekel und mir die Frage, von wo Dürer eigentlich seine Farben hatte? Machte er sie selber? Wo kaufte er ein, und wie muss man sich das vorstellen – so, vor knapp 500 Jahren? Maltechnische Quellentexte geben vereinzelte Hinweise darauf, dass Apotheken im Mittelalter und der frühen Neuzeit auch als Pigmenthandlungen fungierten. Dabei entpuppte es sich als Glücksfall, dass jede Apotheke seit den Medizinalstatuten Friedrichs II gezwungen war, die Preise all ihrer Produkte in Form von Preislisten, sogenannten Taxen, öffentlich zu machen. Doch entgegen der heutigen Roten Liste – dem Nachfolger all dieser Taxen –, schloss dies damals auch Waren des täglichen Bedarfs ein. Kerzen, Schnaps, kandierte Früchte, Seife und … Künstlermaterialien! Die Frage musste sein: Gibt es solche Preislisten noch? Christoph Krekel kam eines Tages mit der triumphalen Meldung, dass die Staatsbibliothek in München solche Listen in ihren unerschöpflichen Beständen hätte. Aus dieser aufregenden Entdeckung erwuchs das Münchner Taxenprojekt als ein Gemeinschaftsprojekt von Christoph Krekel (heute Akademie der Bildenden Künste Stuttgart) und mir. Später stieß Ursula Haller (heute Hochschule für Bildende Künste Dresden) hinzu. Wir hatten zusammen wirklich gute Zeiten: Inspirierend, ergiebig, viel Spaß. Aus der kleinen Entdeckung erwuchs ein Riesenprojekt. Aus wenigen Taxen sollten bald viele werden, überall über Deutschland verstreut.

Das Münchner Taxenprojekt widmete sich in den folgenden Jahren der wissenschaftlichen Erforschung, Erfassung, Bewertung und Edition aller gedruckter Taxen zwischen 1553 und 1800. Beifang waren handschriftliche Auswahltaxen aus der Zeit ab 1450 – die oft nur für Arzneien genutzte Stoffe oder Rezepturen listeten –, oder umfangreiche Preislisten des 19. Jahrhunderts, also aus einer Zeit, in der schon ein spezialisierter Fachhandel Künstler mit Farben versorgte. Die wohl organisierten Preislisten der 2. Hälfte des 16. Jhs., die ergiebigen Listen des 17. Jhs. – von gruseligen Angeboten während des 30jährigen Krieges ganz zu schweigen – und die eloquenten, überausführlichen Taxen des 18. Jhs. erschlossen uns eine nie erahnte Welt. Wir bewegten uns im Raum zwischen Prag und Stockholm, zwischen Aberdeen und Lignitz, eben überall dort, wo deutsche Apotheker einmal tätig waren. Die in den Taxen gefundenen Informationen zu rund 170 Künstlermaterialien – Pigmente, Farbstoffe, Binde- und Klebemitten sowie Hilfs- und Grundstoffe – flossen in eine Datenbank mit derzeit über 23.000 Einträgen ein. Schnell wurde klar, dass unser Vorhaben es erlauben würde, mit einer amtlichen Quelle zu belegen, welche Materialien zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort verfügbar waren. Zudem ergab sich eine Übersicht über die Preisentwicklung der einzelnen Materialien für den Zeitraum zwischen rund 1450 und 1800. Nachweise einzelner Pigmente konnten mit Analysenbefunden des Münchner Doerner Institutes in Verbindung gesetzt werden. Ebenso interessant waren Fragen, warum ein bestimmtes Material nicht mehr auftaucht, wie die mundartlich geprägten historischen Bezeichnungen gewesen waren und wie die einzelnen Taxen in ihrer Genese zusammenhingen. Denn natürlich wurde auch hier abgeschrieben, übernommen, örtlich verändert, von einem collegium pharmaceuticum geprüft, nicht einmal unbedingt am Ort gedruckt und amtlich erlassen. Alles wohlgeordnet, überwacht, dem Kunden wie dem Apotheker sehr zu Nutzen, sehr deutsch! Über die Jahre wurden so von uns viele Taxen nachgewiesen, ausgewertet, redaktionell überarbeitet und in besagte Microsoft Access-Datenbank gespeist. Auch wenn viele Preislisten noch gesucht werden, was für eine Fülle! Manchem mag die Arbeit an den Taxen allerdings fast so reizvoll wie das Abschreiben von Telefonbüchern erscheinen. Dies ist im Fall von creta Kreide auch wirklich langweilig, doch die gemeinsame Bearbeitung erwies sich in weiten Teilen als spannend, inspirierend und überaus belastend für das Daumengrundgelenk (abschreiben, abschreiben). Als Früchte unserer Arbeit erschienen – gespeist aus den Daten des Münchner Taxenprojektes – 17 wissenschaftliche Beiträge. Unsere Arbeit entwickelte so Breitenwirkung. Könnte man hiermit nicht zufrieden sein?

Eigentlich schon! Was allerdings misslang, war die Umsetzung des immer wieder ventilierten Wunsches, unser Datensammlung zu vervollständigen, es perfekt zu machen, fehlerfrei, festgeschraubt für alle Zeiten und vor allem öffentlich. Frei suchbar und für jeden Kunsttechnologen zugänglich? Möglichenfalls waren diese hehren Ziele zu hoch gesteckt, vielleicht sollten sie überdacht werden. Die Entscheidung des Doerner Institutes im Jahr 2019, seine deutsch- und englischsprachig aufgebaute Internetseite vom Netz zu nehmen, raubte dann der Adresse http://www.taxenprojekt.de ihres Ziels. Das Münchner Taxenprojekt war nicht mehr auffindbar und verschwand ohne Ankündigung im digitalen Abgrund. Für manchen Ratsuchenden, der sich in der Vergangenheit an uns wandte, kann dies als mahnendes Zeichen dafür genommen werden, wie angreifbar und damit kurzlebig digitale Auftritte sind – ganz im Gegensatz zu den zum Teil vor über 450 Jahren auf geduldiges, säurefreies Papier gedruckten Taxen. Es war ein weiteres Signal des Scheiterns.

museumsbau.de bietet jetzt dem Münchner Taxenprojekt eine neue Heimat. Ob dies temporär ist oder für einen längeren Zeitraum, ob das Projekt doch noch einmal zum Abschluss kommt und die Daten der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, ist derzeit offen.