Versandung

Tragendes Element aktueller Erinnerungsarbeit ist die Erforschung von Einzelbiographien, die – wie in meinem Fall – einem Euthanasie-Opfer der NS-Zeit ihr Gesicht wiedergibt. Kein einfaches Unterfangen, denn lässt sich das tragische Schicksal einer jungen Frau, unserer Tante Ursula Luise Murawski, die im Frühjahr 1940 in der Landesanstalt Merxhausen mit nur 24 Jahren ermordet wurde, dem Vergessen entreißen? Jetzt, rund 80 Jahre später?

Meine Textcollage „Versandung“ bewegt sich zwischen Akten, Fakten und Fiktion. Sie spannt einen Bogen von den Stränden der Ostsee, einem behüteten Elternhaus, über finanziellen Ruin und Todeserfahrung, über Jahre in den von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, über Zwangssterilisation, eine gescheiterte Rückkehr nach Stettin bis in den elenden Hungertod in der Landesheilanstalt Merxhausen. Finanzielle Nöte, die menschenverachtenden Wahnvorstellungen der NS-Zeit, der Rückzug der engsten Familie und das Vergessen der Nachkriegszeit bildeten weitere Wegmarken. Jede Wegmarke eine Sturz nach unten. Im Familiennarrativ der Nachkriegszeit reduzierten sich Ursels Epilepsie und ihre Auflehnung gegen das Anstaltsleben, ihre Talente und ihre Liebe zu Frauen zu einer einzigen gesprochenen Andeutung.

Getrieben vom Gespür für die Leerstelle, stellt sich meine Erzählung intergenerationeller Sprachlosigkeit und Verharmlosung entgegen. Auf der Suche nach einem verlorenen Familienmitglied dringe ich in die Welt geschlossener Anstalten. Gestützt auf zahlreiche Quellen legt meine Erzählung ein repressives System von Fürsorge und Strafe offen. Es war ein System, in dem am Ende Mord zu einem auf Zahlen gestützten Verwaltungsakt gerinnt. Der Mord wurde verschwiegen, verdrängt und verharmlost. Wiederentdeckte Fotos, ein Lebenslauf, Briefe, Zeichnungen und Dokumente aus den Anstalten Bethel und Merxhausen erzählen jetzt erstmals von einem Schicksal, das stellvertretend für zahlreiche tragische Lose in deutschen Heil- und Pflegeanstalten steht.

Heute erinnert in den Anstalten von Bethel und Merxhausen nichts an Ursel. Ihr Name bleibt wie der vieler anderer Opfer ungenannt. Keiner der Täter, die Ursel ermordeten, wurde in die Verantwortung genommen. Aber auch in der Familie wurde nur selten über sie gesprochen. Abgeschoben in eine Anstalt, alleine gelassen, ermordet, „totgeschwiegen“ und dann vergessen. Der NS-Staat hat sein Ziel erreicht.

„Versandung“ sucht in die Welt geschlossener Anstalten vorzudringen, ein Bereich, der uns „Gesunden“, der den Familien weitgehend verschlossen blieb und der selten einen Fotoapparat gesehen hat. Um mit Günter Kunert zu sprechen, „kann [man] alles, selbst das Ungeheuerlichste, beschreiben und benennen, ohne mehr als eine schwache Ahnung dessen zu vermitteln, wie das Beschriebene eigentlich gewesen ist.“ Diese bittere Wahrheit gilt auch für meinen Versuch, das Leben unserer Tante wiedererlebbar zu machen.

Die Aufarbeitung der NS-Krankenmorde ist nach wie vor von hoher Aktualität: Sie beschäftigte Ärzte und Historiker in einer ersten Welle Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre im Rahmen des Psychiatriereform, lieferte in einer zweiten Welle in den 1990er Jahren wertvolle Studien und bezieht derzeit in zunehmendem Maß die Öffentlichkeit mit ein. Zunehmend erzählen jetzt auch Angehörige vom Schicksal einzelner Opfer. Es ist diese Personalisierung, die aus einem ermordeten Anstaltspflegling – einem von über 300.000 Opfern, einer abstrakten riesigen Zahl – ein ablesbares, ergreifendes Einzelschicksal macht. Kontextualisieren, nacherzählen, Stoff für unser kollektives Gedächtnis.

Meine Erzählung „Versandung“ steht dabei irgendwo zwischen der gelungenen Erzählung von Melitta Breznik: Das Umstellformat, München 2002, dem engagierten Buch von Sigrid Falkenstein: Annas Spuren. Ein Opfer der NS-„Euthanasie“, München 2012 und dem faszinierenden Roman von Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten, Berlin 2017. Sie unterscheidet sich aber zugleich. Nicht nur, weil jedes Leben anders war. Sie unterscheidet sich, weil sie nicht nur auf umfangreichen Akten basiert und seltenes Bildmaterial bietet, sondern vor allem akkurat den zeitgenössischen Kontext aus dem Blickwinkel der Zeit, also nicht aus dem heutigen erschließt. So entfaltet sich ein beklemmendes Bild einer versunkenen Zeit, in der Epileptiker noch in psychiatrische Kliniken eingewiesen wurden, ein Bild großer Hilflosigkeit im Umgang mit schwierigen Kranken, und ein Bild unvorstellbarer Zustände in den Anstalten der NS-Zeit.

Mein Buch „Versandung. Annäherung an eine einzige gesprochene Andeutung“ wird im Herbst 2020 beim Vergangenheitsverlag Berlin erscheinen (ca. 230 Seiten, rund 30 Abbildungen, Preis um 20€).